Culture Counts - Deutsche Fragen offen
Das Interview zum Interviewmarathon – ein Gespräch mit Michael Gleich und Hajo Schumacher.
Von Winfried Kretschmer
Was ist deutsch? Sauerkraut? Klinsmann? Köhler? Merkel? Bier?
Genau besehen sind viele Fragen offen in Sachen deutscher Befindlichkeit.
Ihnen will sich der Interviewmarathon in Berlin stellen.
Mit 24 Menschen in 24 Stunden. Was ist deutsch? – geben wir diese
Frage doch mal weiter an die Interviewer!
Die beiden Journalisten Michael Gleich und Hajo Schumacher moderieren
gemeinsam den Interviewmarathon vom 1. bis 2. Mai in Berlin.
Was ist deutsch? Wo fängt man an mit dieser Frage? Bei der Varus-Schlacht? Bei
der Märzrevolution 1848, der Paulskirche? Bei Auschwitz?
Gleich: Auschwitz ist sicher das größte Reizthema. Die Gräuel der Nazizeit
überlagern als Trauma eigentlich alles, was vorher geschehen war. Deshalb
tendieren die Deutschen dazu, auf der Suche nach einem Nationalgefühl erst
die Zeit ab 1945 zu betrachten. Auferstanden aus Ruinen, dann gleich das
Wirtschaftswunder, um die Wunden des Krieges und der organisierten Menschenverachtung
zu vergessen. Von den kulturellen Strängen, die es vor dem
Deutschen Reich ab 1870, vor der Militarisierung Deutschlands, vor der Nazizeit
gab, fühlen wir uns wie abgeschnitten. Dazu hat beigetragen, dass Angehörige
der Kriegsgeneration lange geschwiegen haben. Ihre Beteiligung,
ihre Verantwortung, ihre Gefühle von Scham und Schuld – all das war lange
tabu. So gehören zum Gründungsmythos der Bundesrepublik eine Mauer des
Schweigens nach hinten und der Blick starr nach vorn. Das funktionierte ab
1968 nicht mehr. Seitdem hat sich die Nation sehr intensiv mit ihrer Vergangenheit
beschäftigt, weit ausgiebiger als die meisten anderen Kriegsteilnehmer.
Vielleicht ist es diese
Aufarbeitung, die uns jetzt
den Blick auf Wurzeln
deutscher Identität freigibt,
die viel weiter zurückreichen.
Die tausend Jahre des
„Heiligen Römischen Reiches
Deutscher Nation“ erzählen
von den föderalen,
man möchte sagen: von
den friedlicheren Seiten der
Deutschen.
„Typical Germans!“, haben uns einmal ein paar junge
Engländer hinterhergezischt, als wir zu Schulzeiten per Interrail-Ticket
in England unterwegs waren. Typisch
deutsch, gibt es das? Gibt es das noch?
Schumacher: Zu den Interrail-Erfahrungen damals gehörte auch, dass alle
anderen abends am Lagerfeuer nach der dritten Ballonflasche Wein fröhlich
ihre Nationalhymnen anstimmten. Wenn wir Deutschen an der Reihe waren,
haben wir immer Ausreden gesucht. Wir dachten halt, alles Deutsche
klingt nach Hitler. Und dann haben wir „He’s a jolly good fellow ...“ gesungen.
Singen unsere Kinder heute die deutsche Nationalhymne an den Stränden
von Nord- und Ostsee und Mittelmeer? Wahrscheinlich immer noch
nicht, weil inzwischen der Text vergessen worden ist. Das mit dem „Unterpfand“
habe ich übrigens auch nie kapiert.
Was ist deutsch – man kann dieser Frage entgegenhalten, dass sie schrecklich
antiquiert sei, weil sie auf verbindende Eigenschaften zielt, wo sich Identität doch
mehr über Gefühlslagen herstellt. Ist das so?
Gleich: Genau um diese Gefühlslagen wird es bei „Was ist deutsch?“ gehen.
Man muss dabei genau hinsehen. Nach dem durchfeierten Weltmeisterschaftssommer
2006 waren die Medien voll von Analysen, die Deutschen
hätten zu sich selbst gefunden: zu einem entspannten, fröhlichen und weltoffenen
Umgang mit der eigenen Nation. Ich bezweifle das. Ein Sommer
macht noch kein neues Deutschgefühl. Wie sehr knabbern wir immer noch
am Schrecken der zwölf Jahre Naziherrschaft? Welche Traumata wurden von
Generation zu Generation unbearbeitet weitergegeben? Wie offen sind wir
dafür, dass sich das Nationalgefühl wandelt, erweitert, durch Migration und
Globalisierung völlig umgekrempelt wird? Sind wir bereits ein „einig Vaterland“
oder immer noch durch unsichtbare Mauern zwischen Ost und West
getrennt? Ich weiß das alles nicht. Für mich sind da so viele Fragen offen,
dass wir sie in Form eines Interviewmarathons stellen.
Herr Schumacher, in Ihrem Ermunterungsbuch Kopf hoch Deutschland haben Sie
2005 das „kollektive Wimmern“ als sicheres Zeichen für ein kollektives psychisches
Problem identifiziert. Stimmt das noch, dass Jammern deutsche Passion sei?
Schumacher: Ja und nein. Die Jammerer sind noch mal jammeriger geworden
– inzwischen hat sich bei Soziologen daraus schon ein Forschungsfeld
ergeben: der Viktimismus. Auf der anderen Seite treffen wir gerade in dieser
Krise sehr viele, gerade jüngere, die mit einer erfrischend westfälisch-naturalistischen
Haltung antreten, Motto: Die Guten kommen durch. Wir haben es
also mit zwei emotionalen Polen zu tun; eine halbwegs entspannte, gleichwohl
problembewusste Mittellage fehlt in diesem Land nach wie vor.
Ist einfältige Deutschtümelei längst einer weltoffenen Vielfalt gewichen?
Gleich: Die Vielfalt ist da, kein Zweifel. Jeder fünfte Bundesbürger hat einen
sogenannten Migrationshintergrund. Aber das Phänomen Vielfalt bedeutet
nicht automatisch, dass diese „Diversity“ auch geschätzt wird. Erst recht nicht
in den Medien, die immer dann breit berichten, wenn es Konflikte gibt, wenn
es zwischen Angehörigen verschiedener Hautfarben oder Religionen kracht.
Dann wird schnell der „Kampf der Kulturen“ ausgerufen. Vielfalt gilt vielen
vor allem als Problem. Besonders in Deutschland, wo die Mehrheit der Menschen
immer noch nicht wahrgenommen hat, dass wir längst ein Einwanderungsland
sind – und dass Menschen aus anderen Kulturen ein ungeheures
Potenzial für Wirtschaft und Gesellschaft bedeuten könnten. Die Bereitschaft,
Andersartigkeit als Bereicherung zu verstehen, ist noch nicht weit
entwickelt. Dort, wo Bedrohungsgefühle wachsen, hat Deutschtümelei sehr
schnell wieder Konjunktur.
„Deutsch-Sein. Ein neuer Stolz auf die Nation im Einklang mit dem Herzen“, ist
eine neue Studie der Identity Foundation zur Identität der Deutschen überschrieben,
die am Tag vor dem Interviewmarathon in Berlin vorgestellt wird. Ein neuer
Stolz auf die Nation – ist das der Trend?
Schumacher: Das Schöne an Trends ist ja, dass es für jeden einen Beleg gibt.
Aber außer Wortwolken bleibt meist nicht viel. Was ist die Nation? Die
Hymne? Das Grundgesetz? Sauerkraut? Klinsmann? Köhler? Merkel? Ver.di?
Bier? Worauf sind die Leute genau stolz? Und was ist Stolz eigentlich? Glatzenstolz?
Oder Verfassungsstolz? So viele Worte – und so wenig Klarheit.
Das ist sehr deutsch.
Ist das vielleicht sogar konsequent: den Stolz auf das Land nicht den Rechten zu
überlassen?
Gleich: Mit dem Wort „Stolz“ hadere ich. Den könnte ich gerne den Rechten
überlassen. Wenn ich persönlich etwas erreicht habe, dann freue ich mich.
Aber Stolz bedeutet doch immer, sich über andere Menschen zu erheben.
Wenn es aber um Freude geht: Die Nachdenklichkeit, die Deutsche bei der
Abwägung moralischer Fragen oder bei der Bewertung der Vergangenheit oft
an den Tag legen, freut mich schon. Das zeigt sich beispielsweise, wenn wir
nicht mit der „Koalition der Willigen“ Hurra schreiend in den Irak einmarschieren.
Wir sind vermutlich weit entfernt vom Ideal einer friedfertigen
Nation. Aber dennoch deutlich skrupulöser, wenn es um Gewalt, Militär
und Krieg geht, als manch andere Länder. Das sind gute Gründe, mein
Land zu mögen und nicht zu verzweifeln, „denk ich an Deutschland in der
Nacht“ ...
Wenn man diese 60 Jahre Bundesrepublik Revue passieren lässt, dann hat die
bundesrepublikanische Gesellschaft die diversen Herausforderungen erstaunlich
gut gemeistert, mit einer guten Portion Aufgeregtheit zuweilen, insgesamt aber
mit souveräner Gelassenheit. Stimmt der Eindruck? Oder liegt er darin begründet,
dass aus der Distanz das Urteil milder ausfällt?
Schumacher: Der Eindruck stimmt. Nur haben wir es meist erst hinterher
gemerkt. Nicht die allerschlechteste Strategie übrigens.
Diese 60 Jahre sind 60 Jahre Wandel. Innovation wird meist vor allem als technische
Innovation verstanden. Welches sind die wichtigsten sozialen Innovationen
in diesen 60 Jahren gewesen?
Gleich: Erstens die Selbstbestimmung der Frau – denken Sie daran, dass
Frauen noch in den 60er-Jahren die Erlaubnis des Ehemanns brauchten, um
ihre Arbeitsstelle zu wechseln. Zweitens die gewaltfreie Erziehung von
Kindern. In meiner Kindheit war es völlig normal, dass Eltern ihre Kinder
schlugen, Lehrer ebenfalls, sogar der Herr Pastor hat im Religionsunterricht
geprügelt. Es hat bis zum Millennium gedauert, bis das Recht auf Gewaltfreiheit
zum Bundesgesetz wurde. Mein dritter Favorit ist die Legalisierung
von homosexuellen Partnerschaften. Der § 175 des Strafgesetzbuches, der
Schwule und Lesben bedrohte, stammt aus dem Jahr 1870 und wurde erst
hundert Jahre später geändert. Aber noch in den 70er-Jahren wurde Homosexualität
als eine Krankheit dargestellt; das habe ich selbst noch einen
Lehrer in der Schule referieren hören. Erst seit 2001 können Homosexuelle
offiziell eine Lebenspartnerschaft eintragen. Ein langer Weg. Und eine echte
soziale Innovation.
„Die Bundesrepublik gilt mit einigem Recht als Bewegungsgesellschaft“, heißt
es im Handbuch der sozialen Bewegungen in Deutschland, das auf mehr als
700 Seiten die Geschichte der neuen und alten sozialen Bewegungen hierzulande
aufarbeitet. Ist das auch zu einer Eigenschaft der Deutschen geworden: zu
protestieren, wenn man etwas als falsch, ungerecht oder gefährlich empfindet?
Schumacher: Protest ist ja erst mal etwas Gutes. Leute machen sich
Gedanken, beziehen Positionen, greifen ein. Und Bewegung ist auch gut,
finden jedenfalls manche. Eine stillstehende Gesellschaft ist andererseits für
viele Deutsche noch immer ein großer Traum. Hier begegnen sich nun zwei
deutsche Grundtypen: der Stillstandsdeutsche und der Bewegungsdeutsche.
Und jeder protestiert auf seine Art: der eine für mehr Bewegung, der andere
für mehr Stillstand. Daraus ergibt sich Dynamik, aber in Zeitlupe. Und das ist
der Fortschritt, auf den wir hinterher dann vielleicht mal stolz sind.
Winfried Kretschmer ist Chefredakteur und Geschäftsführer bei
changeX.