Culture Counts

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Culture Counts DIVERSITY, 24 Stunden Interviewmarathon, Was ist deutsch?

DIVERSITY, 24 Stunden Interviewmarathon, Was ist deutsch?


Norbert Lammert



Norbert Lammert

Bundestagspräsident, ist ein Jahr älter als die Republik, deren zweithöchstes Amt er bekleidet. Seit 29 Jahren ist er Mitglied des Parlaments, in der Opposition, als Regierungsmitglied, seit 2005 als sein Präsident. Er sagt: „Eine Gesellschaft kann Multikulturalität nur ertragen, wenn sie über ein Mindestmaß an gemeinsamen Überzeugungen und Orientierungen verfügt, die im Konfliktfall auch gelten.“ Als Interessen gibt der Honorarprofessor der Ruhr-Universität Bochum „Musik, Fußball, Literatur“ an.

Es ist mal wieder fünf vor zwölf in Deutschland. Die Uhr tickt im Hintergrund. Im Berliner Radialsystem V sind drei Kameras auf einen Tisch gerichtet, an dem in den nächsten 24 Stunden 24 Gäste am Stück interviewt werden sollen. Doch nur die Gäste wechseln, die zwei Journalisten Michael Gleich und Hajo Schumacher, interviewen zu zweit rund um die Uhr. Was sich metaphorisch als Marathon aufdrängt und in Wirklichkeit an die Grenzen gehen will, nennt sich auch so: „24 Stunden Interviewmarathon“. Die Interviewer nehmen nur eine Frage mit auf die Langdistanz: „Was ist deutsch?“ Ganz einfach, ganz schlicht. Doch einfache Fragen sind nicht einfach. Gibt es so etwas wie das typische Deutsche überhaupt oder ist unsere Gesellschaft längst viel bunter, innerhalb der deutschen Grenzen eben nicht einfach nur deutsch? Das ist der Hintergrund, vor dem sich die Frage stellt. Zusammen mit den 24 Persönlichkeiten aus Kultur, Politik und Wissenschaft möchten Gleich und Schumacher sich dieser Frage nähern. Für die Antworten, die sich aus den jeweiligen Biographien der Gäste ganz individuell ergeben werden, sind sie offen. Punkt zwölf, der Lauf beginnt. „Wir werden Sie heute durch die 24 Stunden führen“, eröffnet Gleich. „Wir wollen uns fragen, ob wir zuversichtlich sein können, ob wir eine weltoffene Gesellschaft geworden sind. Denn unsere These ist: Deutsch ist Vielfalt.“ Und warum dieses Format? „Weil es so unberechenbar ist“, sagt Schumacher. „Wir wollen von Anfang an von der Berechenbarkeit wegkommen und bestenfalls hin zu mehr Ehrlichkeit, Offenheit, Unverstelltheit. Und damit möchten wir unseren ersten Gast begrüßen: Bundestagspräsident Norbert Lammert.“

Alles ist nur vorläufig gültig

Der 1. Mai lässt in Berlin-Kreuzberg wieder Krawalle erwarten. Ist das ein deutsches Phänomen? „Dadurch, dass es in Berlin passiert, ist es deutsch.“ Soviel wäre mal klar. Doch „60 Jahre Lammert sind auch 60 Jahre Deutschland“, eröffnet Schuhmacher den weiteren, biographischen Horizont der Frage. Lammert ist ein Jahr älter als die Republik. Er hat die Nachkriegsjahre erlebt und erinnert sich, dass ihn ein Politiklehrer stark beeindruckt hat. „Durch sein hohes politisches Engagement gepaart mit parteipolitischer Distanz“. Diese Distanz zu Moden im weiteren Sinne hat auch Lammert in sich gespürt. Er studiert Politikwissenschaften in einer Zeit, in der ideologische Färbungen in der Studentenschaft stärker hervortreten. Doch sein Vorbild ist nicht Adorno, sondern ein Dozent der Wissenschaftstheorie, der in theoretische Distanz zu Ideologien tritt. Lammert entdeckt Popper. „Nichts kann bewiesen werden. Alles ist nur vorläufig gültig“, pointiert Lammert die Essenz. Denn es sind nur Vermutungen, die wir über die Wirklichkeit haben. Und es sind Mehrheiten, die diese Vermutungen als Tatsachen ausweisen. Obwohl sie letztendlich Vermutungen bleiben. Auch politische Mehrheiten sagten nicht, was wahr, sondern nur, was gültig ist. „Und da sehe ich doch, was vielleicht typisch deutsch ist“, sagt Lammert. Es sei der unreflektierte Reflex, von einer Mehrheit auf Recht zu schließen. Diese Gleichsetzung erfahre man besonders als Minderheit, die eine alternative Position vertritt. Eine Erfahrung, die im politischen Alltag erhalten bleiben müsse, sagt Lammert. Denn es ist das Wesen des demokratischen Systems, mit Mehrheiten über das zu entscheiden, was gelten soll. Doch nur vorläufig. Weil keine Position wahr ist.