Marianne Birthler
geb. 1948 und aufgewachsen in Ostberlin. Sie studierte Außenhandel, arbeitete als Katechetin in der Evangelischen Kirche und war eines der Gründungsmitglieder der „Solidarischen Kirche“. Vor und nach der Wende solidarisierte sie sich mit politisch Verfolgten, protestierte gegen Repressionen des SED-Regimes und arbeitete 1989/90 am Zentralen Runden Tisch mit. Für ihr bürgerrechtliches Engagement erhielt sie 1995 das Bundesverdienstkreuz. Marianne Birthler war in der DDR Volkskammer Sprecherin von Bündnis 90 und nach der Wende vom neuen Bündnis 90/ Die Grünen. Seit 2000 ist Marianne Birthler Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes.
Gespür für Würde
Deutschland ist Geschichte. Die Vergangenheit ruhen zu lassen, ist für die einen ein selbstverständliches Bedürfnis. Für andere ist dies überhaupt nicht denkbar, eben weil ihnen die unangetastete Vergangenheit keine Ruhe lässt. Die Geschichte Deutschlands hat zwei gezielte Aufarbeitungen von Vergangenheit erfahren: die Zeit des NS- und die des SED-Regimes. Als Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes arbeitet Birthler an der Aufarbeitung der planmäßig durchgeführten Spitzeltätigkeiten in der DDR. Sie kennt die Forderung vieler, diese Suche nach der Geschichte doch endlich aufzugeben. Sie aber sieht einen zukunftsfähigen Wert in ihrer Arbeit: „Ich kann den Menschen ihr Leben zurückgeben.“ Denn die SED-Zeit war von fundamentalem Misstrauen geprägt, einem Misstrauen, dass nicht nur das Regime selbst, sondern auch die in ihm lebenden Menschen betraf. Durch die Akteneinsicht könnten so bohrende Fragen beantwortet werden wie: „War mein Vertrauen einem bestimmten Menschen gegenüber gerechtfertigt?“ Natürlich spiegelten Akten keine Wirklichkeit. Aber allein die Annäherung könne einer verunsicherten Biographie einen festeren Standpunkt wiedergeben. Nach den langjährigen Erfahrungen, die Birthler mit ihrer Arbeit gemacht hat, ergibt sich die Frage nach dem Menschenbild: „Ist der Mensch böse?“, spitzt Gleich die Frage zu. Birthler verneint eindeutig. Sie habe im Gegenteil eher erleben dürfen, wie viel Charakterstärke sich gerade innerhalb des unmenschlichen Systems habe halten können. Und was muss man tun, damit sich in unserer Gesellschaft so etwas wie ein totalitäres Regime nicht mehr durchsetzen kann? Birthler setzt beim individuellen Menschen an: „Je selbstverständlicher Menschen lernen dürfen, ein Gespür für die eigene Würde, die eigene Integrität zu entwickeln, desto eher werden sie auch die Integrität anderer Menschen achten und schützen.“