Dawit Shanko
geb. 1968 in Addis Abeba. Als Schuhputzer hat er sich seine Schulausbildung in Äthiopien selbst finanziert, kam 1985 mit einem Stipendium zur Ausbildung als Vermessungsfacharbeiter nach Eichwalde, DDR und im Sommer nach Westberlin, wo er bis 2000 Architektur studierte. Seine eigenen Erfahrungen als Schuhputzer in Addis Abeba ließen ihn nicht mehr los: 2001 gründete er den Verein Listros e. V., der sich zum Ziel gesetzt hat, diesen Kindern und Jugendlichen in Äthiopien für ihre Arbeit und ihren Unternehmergeist Anerkennung und Respekt zu verschaffen. Namhafte Künstler und Architekten haben sich Dawit Shanko seither angeschlossen und entwickeln in unterschiedlichsten Kunst- und Austauschprojekten neue Ansätze einer innovativen Entwicklungshilfe.
Es geht immer um Respekt
Von Deutschland kann man lernen. Shanko lernte, dass es einen Hang gibt, Sachverhalte in zusammengesetzten Wörtern auszudrücken. „Auf Wiedersehen“ ist so ein Wort. „Ich habe erst nach und nach verstanden“, sagt Shanko, „was dieses Wort bedeuten soll: Es ist der Ausdruck der Freude darüber, jemanden hoffentlich bald wiederzusehen. Was für ein Riesensatz!“ Doch nachdem er die Bedeutung des Wortes verstanden hatte, wurde es nur noch verwirrender: „Denn auf der Straße sagen die Leute ständig ‚Auf Wiedersehen’, aber es ist ganz klar: Die wollen dich gar nicht wieder sehen!“ Mit dieser Komplexität der Worte und ihrem widersprüchlichen Gebrauch hatte er am Anfang einige Schwierigkeiten. Gleichzeitig wurde ihm jedoch klar, dass er, wenn überhaupt, „das Deutsche nur im Deutschen“ begreifen könne. Auch „Entwicklungshilfe“ ist so ein Wort und die Hilfe zur Entwicklung ist sicherlich eine schöne Idee. Aber leider würden die so genannten Helfer diesem Anspruch selten gerecht. In der Regel kommen diese selbsternannten Helfer, lindern die akute Not, belassen jedoch die Menschen in ihrer Hilflosigkeit. Weil keine Hilfe zu Selbsthilfe stattfindet. Shanko, der sich in Deutschland über das verzerrte Bild Äthiopiens, mittlerweile einer erstarrten „Chiffre für Armut und Hungersnot“, geärgert hat, fordert mehr respektvolle Offenheit: „Leute, geht doch da mal neugierig hin. Sprecht mit den Menschen, hört ihnen zu und versucht, die Situation aus ihrem Blickwinkel zu betrachten. Erst dann kann man sehen, ob und wie man helfen kann.“ Um Respekt geht es Shanko auch bei dem von ihm gegründeten Verein Listros e. V., der Kindern und Jugendlichen zu helfen versucht, indem ihrem Unternehmergeist als Schuhputzer Anerkennung verschafft wird. Shanko, der seine Schulausbildung als Schuhputzer finanziert hat, möchte, dass die Jugendlichen „aus dieser Zeit gestärkt hervorgehen“. Von Listros könne auch Deutschland lernen, meint Shanko: „Den Deutschen fehlt die Demut, sich mit einer Situation abzufinden und kreativ damit umzugehen.“ Und darüber hinaus bietet Listros noch eine allgemeinere Lektion: „Es ist nicht schlimm, unten zu sein. Es ist einfach nur eine Ebene.“