Culture Counts

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Culture Counts DIVERSITY, 24 Stunden Interviewmarathon, Was ist deutsch?

DIVERSITY, 24 Stunden Interviewmarathon, Was ist deutsch?


Wolfgang Schmidbauer



Wolfgang Schmidbauer

Bei diesem Gast geht es um ein ganz altes Gefühl. Angst gehört zu dem Schlimmsten, das einem Menschen geschehen kann, sagt Wolfgang Schmidbauer bedächtig.
Bei ihm legen sich die Menschen auf die Couch – manchmal scheint es, die ganze Nation.
„Aber Angst ist auch wichtig, überlebenswichtig“, sagt er. Angst müsse einfach überprüft werden: Ob sie berechtigt warne oder ob sie einschränke.
Die Deutschen und die Angst – das ist für Schmidbauer eine lange Geschichte. Allein der Begriff „German Angst“ ist international ein Selbstgänger. Das gehe eher auf die Umweltbewegtheit vieler Deutscher zurück, sagt Schmidbauer. Schweinepest, Baumsterben – das werde mehr in Deutschland wahrgenommen. Für Schmidbauer liegen viele Ängste in den Erfahrungen des so genannten Dritten Reiches begründet. Der Schock, aus den Versprechen des Adolf Hitlers in einem Alptraum aufzuwachen, der sitze noch tief. Wenn Schmidbauer das Verhalten vieler Deutscher in den ersten Generationen der Bundesrepublik beschreiben soll, fällt ihm ein Spruchwort ein, das seine Mutter früher oft bemühte: „Die Flügel die am Morgen am stärksten blühen, frisst am Abend die Katz.“ Immer aufpassen, nie aus der sozialen Kontrolle herausfallen; das habe die Generationen der Weltkriege und unmittelbar danach geprägt.
Heute ist es anders: Werden Passanten in Deutschland zufällig Zeugen einer Schießerei, rückt gleich ein ganzes Zelt von Traumatherapeuten an, um zu arbeiten. Früher waren ganze Generationen es gewohnt, sowieso traumatisiert zu sein.
Als Schnittpunkt dieser Entwicklung macht Schmidbauer die 68er-Bewegung aus: Die habe zuallererst das Klima der Angst in den Hörsälen der Universitäten bekämpft. „Ich hatte mein Studium kurz vorher beendet: Da siezte man noch den Professor und fürchtete ihn.“
Überhaupt beherrsche heute die Leute eine andere Angst: die vor dem beruflichen Fehlstart oder Niedergang. Nach dem Studium, Mitte der Sechziger, habe er gewusst, dass ein Job schon auf ihn als Akademiker warte, sagt Schmidbauer. Da sei er erstmal für fünf Jahre nach Italien gegangen. „Das ist heute für viele undenkbar. Die müssen sich viel mehr Gedanken um die Berufsfindung machen.“
Wirken die Schocks aus der Nazi-Zeit noch heute? Sind deutsch-ängstliche Menschen gefährdeter, sich selbst in Frage zu stellen und selbst zu entwerten? Oh ja, sagt Schmidbauer. Aber es würden immer weniger. Eine ähnliche Entwicklung nehme ebenfalls Italien. Auch dieses Land habe die aus dem Faschismus resultierenden Ängste zu verarbeiten.
Den Moderatoren wird etwas unwohl. Michael Gleich und Hajo Schuhmacher rücken auf den Stühlen herum. Etwas Freudigeres würden sie wohl gern hören. Da nennen sie das Stichwort „WM 2006“ – als die Deutschen von einem Sommermärchen sprachen und sich selbst als gute Gastgeber sahen, die neben gutem Fußball auch ordentliche Feiern bieten konnten: „Waren die Deutschen damals anders, waren sie freier und glücklicher?“ „Das war ein Event“, sagt Schmidbauer und relativiert die WM. Ein richtiger und lang andauernder Kompromiss für eine Gesellschaft sehe anders aus. Ein Event dagegen sei er singulär.
So ein Event sei auch die momentan grassierende Schweinegrippe. Eine kurzfristige Einigkeit – diesmal in der Angst -, die schnell verfliegt. Allerdings habe die Angst auch eine positive Seite: wenn die Gefahr vorüber ist. So würde sogar Schweinegrippe kurzfristig Erleichterung bringen; wenn die Leute merken, dass sie so gefährlich doch nicht sei.
Hat Deutschland seine Störungen ernst genommen? Ja, sagt Schmidbauer. Der Schock aus den Erfahrungen des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs habe die Leute vorsichtiger gemacht. Sie hinterfragten mehr und würden populistischen Tendenzen mehr misstrauen als früher. Das helfe ihnen auch, die eigenen Störungen besser zu erkennen und anzugehen.
Aber hat Deutschland tatsächlich etwas gelernt aus den Gewalterfahrungen der vielen vielen Jahrzehnte? „Ich hoffe es“, sagt Schmidbauer. Die Anlehnung an die großen Bündnispartner in der jüngsten Zeit sei auch problematisch; immerhin vermisse er eine eigenständige Politik, die sich um eine eigene Position bemüht. „Letztlich macht Berlin immer die Politik der Nato mit.“ Aber, und da ist Schmidbauer wieder ganz Therapeut, das sei halt so bei einem traumatisierten Land.
Das Interview nähert sich dem Ende. Er wolle nun mal etwas Nettes hören, sagt Moderator Hajo Schumacher. Jetzt wisse man, wie ängstlich die Deutschen sind. Gehe es auch ein bisschen positiver? Schmidbauer windet sich. Lacht. „Ich bin kein Trainer, sondern ein kritischer Beobachter“, bescheidet er Schuhmacher. Draußen geht die Sonne unter.