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Culture Counts DIVERSITY, 24 Stunden Interviewmarathon, Was ist deutsch?

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Zafer Senoçak



Zafer Senoçak

Zwei Sprachen leben in seiner Brust. Für den Schriftsteller Zafer Senocak gibt es zwei verschiedene Territorien; die deutsche und türkische Sprache haben da ihre eigenen Reviere. „Zum Beispiel kann ich auf Türkisch kein Essay schreiben.“
Zwei Regale habe er innerlich gebaut für diese Sprachen, fein säuberlich voneinander abgetrennt. Doch jenes Thema, das sein Leben wie ein roter Faden durchläuft, bemüht immer beide Regale: „Die Einwanderung sollte in diesem Jahrhundert viel stärker diskutiert werden“, fordert er. In den vergangenen 50 Jahren habe sich die gedankliche Einstellung der Deutschen zu Einwanderung kaum verändert. Das müsse sich endlich ändern. „Dieses Thema war eingefroren.“ Heute aber rege sich langsam die Frage, was deutsch sei, wohin die Fahrt gehen sollte und könnte.
Die Fahrt in Senocaks Leben war hingegen immer rasant. Als Kind kam er nach Deutschland, nach neun Jahren schrieb und veröffentlichte er auf Deutsch. „Ich kam in ein komplett deutsches Umfeld herein und musste Deutsch lernen, um sozial zu leben“, erinnert er sich. Türkisch dagegen blieb Sprache in der Familie bis heute. Der Gang eines anatolischen Bauern nach Deutschland war damals ganz einfach und klar. „Er dachte, er komme in ein Land, wo alles funktioniert und wo er Geld verdienen wird für ein besseres Leben daheim.“ Dieser Gang sei eben ein ganz anderer gewesen als der von Bayern oder Friesen, die im 19. Jahrhundert auf Schiffe stiegen und in Amerika die Freiheitsstatue erblickten – mit der Überzeugung, dort sich etwas aufzubauen.
Die Einstellung der einstigen „Gastarbeiter“ änderte sich schleichend. Für Senocak als Vertreter der zweiten Generation war das schon anders, für ihn war Deutschland schnell Heimat. Heute berät er Deutsche die Integration zu managen, wie den Bürgermeister Heinz Buschkowski in Berlin-Neukölln. „Das ist oft keine Integrationsproblematik, sondern ein Bildungsproblem.“ Die Dreistufigkeit im Schulsystem zum Beispiel definiere im vornherein, dass eine große Gruppe von Jugendlichen keine Chance auf dem Arbeitsmarkt erhalte. Hauptschule oder weniger in Neukölln, da komme wenig danach. Die Systemfrage werde leider kaum gestellt
Ist die Bereitschaft für Integration jetzt größer geworden in Deutschland? „Nein, es zerfranst sich immer mehr. Die Interessen und Erfahrungen werden immer vielfältiger, da atomisiert sich diese Frage in der Individualität.“ Insgesamt habe sich das Land gelockert, aber es gebe auch widersprüchliche Trends. Einerseits wolle man sich weltoffen geben, besonders in Berlin. Andererseits zeige sich die Hauptstadt recht provinziell. Es gebe einfach eine Grundsicherheit, das Erwartete immer wieder zu finden; eigentlich ein seltenes Phänomen für Hauptstädte und Metropolen. „Deutschland ist indes humorvoller geworden.“
Von allen deutschen Städten sei Frankfurt am Main die Stadt, welche für das Zusammenleben im 21. Jahrhundert am besten gewappnet sei: „Da gibt es eine Zerrissenheit, die auch immer Antrieb für Impulse war. Frankfurt ist ungeschützter, mittendrin, herausgeforderter durch die Gemengelage aus Finanzwesen, Industrie und Arbeiterschaft.“
Gibt es denn einen Gründungsmythos in Deutschland nach 60 Jahren Bundesrepublik wie einst die Frankfurter Paulskirche bei der Revolution von 1848? „Oh ja“, sagt Senocak und lehnt sich zurück. „Deutschland kann Vorbild für Bescheidenheit sein. Unter diesen Vorzeichen ist vieles geschaffen worden.“
Im Schatten der Bescheidenheit will der Schriftsteller auch einen „Dauerbrenner“ sehen beim Zusammenleben der Kulturen in Deutschland. Die Deutschen und der Islam, das ist ein Thema, das Senocak wenig dramatisch sieht. Immerhin gebe es eine alte Tradition, wie zum Beispiel das angesammelte Wissen in Deutschland über den Islam, aus der Orientalistik kommend. Auf der Seite des Islam dagegen müssten sich die Muslime bewusst machen, dass die Sprache des Koran in Teilen Terror religiös legitimiere, ein Gewaltpotenzial in sich berge. „Mit dieser Denkweise sollten sich die Muslime auseinandersetzen. Religionen sind eben nicht Orte reiner Glückseligkeit.“