Eric T. Hansen
Eric T. Hansen
Irgendwann verschlug es Eric T. Hansen, einen Mormonen aus Hawaii, nach Wuppertal in Deutschland. Mission war sein Ziel, er sollte Menschen für seinen Glauben finden; doch dann fand er seine Liebe.
Eine Folge davon war der Schritt weg von der Kirche. „Es wurde zuviel reglementiert, ich musste für alles Erlaubnis von Gott einholen, mit 30 Jahren wollte ich dann meinen eigenen Weg gehen.“ Seine Missionsarbeit davor in Deutschland beschränkte sich meist auf das Klingeln an Haustüren und dem Aufsagen von „Guten Tag, wir sind von...“, und dann schlugen die Türen wieder zu. Einmal im Monat kamen sie mal in eine Wohnung rein. „Die Deutschen sind einfach ein Volk, das keine Zeit hat.“
Ganz besonders die Berliner seien stolz darauf, unfreundlich zu sein. „Dabei sind sie nur schroff, aber sehr hilfreich.“ Dennoch kein gutes Klima für Missionare. Für jemanden, der die Frau seines Lebens hier gefunden und sie geheiratet hat, schon eher. Da machte Hansen die Deutschen zu seinem Hobby.
„Sie mögen sich nicht und hadern mit sich, da könnten sie ja mal einen Punkt machen.“ Die Deutschen würden auf Wissen und Besserwissen sowie Kritik Wert legen, so viel wie Amerikaner und Briten auf Humor, sagt er.
Und so nimmt Hansen seinen Humor und seziert die deutsche Seele. Da sei die Sehnsucht nach Neuem, gepaart mit der festen Idee, dass alles Bessere in der Vergangenheit liege. „Nehmen Sie zum Beispiel Hermann den Cherusker“, sagt er und rückt seinen Cowboy-Hut gerade, „diese Neuentdeckung aus dem 19. Jahrhundert“. Jetzt stippt er mit seinem rechten Zeigefinger einen imaginären Fussel vom original schwarz-weißen Hawaii-Hemd. „Hermann vertrieb die Römer und bescherte seinem Volk eine Isolation von Märkten und Analphabetentum.“ Darauf sei man stolz in Deutschland, sagt er und lacht dabei; und das verstehe er halt nicht.
Das Verhältnis der Deutschen zu Amerika gebe ihm ähnlich Rätsel auf. Zum einen sei da das ständige Bedürfnis der Deutschen, die eigene Kultur als höherwertig zu beschreiben und die der USA auf Burger und Bush zu reduzieren. Und dann würden 200.000 Leute zum Auftritt des damaligen US-Präsidentschaftskandidaten Barack Obama in Berlin strömen. „Das gab es in Amerika im Wahlkampf nicht.“ Ist es die Begeisterung für sein Charisma? „Ja“, sagt Hansen, und fügt ein langes „aber“ hinzu: „Wenn man etwas toll findet, kann man nicht darüber nörgeln.“ Da passe eine Kanzlerin Angela Merkel mit ihrem nüchternen und wenig charismatischen Stil besser zu den Deutschen als Obama.
Zu all diesen politischen Analysen passt da einfach Hansens Cowboy-Hut nicht; tritt er als Ulknudel nun wahrlich nicht auf. Doch den pflegt er wie seinen Hang zum Understatement. „Äußerlichkeiten sind relativ“, lächelt Hansen. Irgendwann würde immer der inhaltliche Wert eines Künstlers bei der Beurteilung seiner Person in den Vordergrund rücken. „Nehmen Sie Steven Spielberg zum Beispiel“, sagt er, „in den Achtziger Jahren noch war er in Deutschland verpönt als Unterhaltungsfilmer. Heute verehren ihn die Deutschen, aber auch wegen ‚E.T.’ und ‚Weißer Hai’.“
Deutschland sei eben zweigeteilt, gern widersprüchlich. Auf der einen Seite das Hochhalten von Seriosität und Ehrlichkeit, Politiker, die niemals einen Witz erzählen würden – und auf der anderen Seite viele kleine Leute, die völlig verrückt seien, „so wie das Holzwurmmuseum in Quedlinburg zum Beispiel“.
Deutschland wird ihm wohl noch lange als Spiel- und Studienfeld erhalten bleiben, wie eine Klaviatur. Still wird es nun. Draußen hat selbst das Kreisen des Polizei-Hubschraubers aufgehört. Die Krawalle, die Demonstranten sich auch rund um diesen ersten Mai mit der Polizei bis vor wenige Minuten geliefert haben, sind vorbei. Die Stille vom anderen Spreeufer, an dem Kreuzberg liegt, greift auf das Aufnahmestudio über.