Sung-Uk Bradden Hwang
Sung-Uk Bradden Hwang
Um zwei Uhr in der Früh hat Brad Wang den richtigen Muntermacher ins Studio mitgebracht. „Alles wird gut“, sagt er und montiert bei beiden Moderatoren Schulterklopf-Maschinen. Mechanische Hände aus Metall gehen auf und ab. Das baut auf, das macht Laune, und los geht es mit dem Interview.
Auch Wang könnte solch eine Maschine gut gebrauchen. Sein Hausboot, mit dem er in Berlin lebt, macht ihm nur Ärger, Lecks und andere Werftarbeiten haben Wang gerade ganz im Griff. Anfang zwanzig, da trieb es ihn nach Berlin. Wang war damals Künstler, in Utah/USA aufgewachsen. Beim Besuch der Eltern in Südkorea sah er 1989 den Mauerfall live im Fernsehen, nahezu Tag und Nacht. Da musste er hin. Wang buchte ein One-Way-Ticket nach Amsterdam. Er wollte die Menschen in dieser Wiedervereinigungsstimmung kennen lernen. Schon früher habe ihn Deutsches interessiert. „So hat mich zum Beispiel Joseph Beuys fasziniert. Er hat sein Leben zum Kunstwerk gemacht, das ist sehr beeindruckend.“
Zurzeit baut Wang besonders gern Maschinen. Das machte er schon immer, das bringt Menschen zusammen. Eine Art Urform von Kunst: „Kunst ist die Avantgarde der Globalisierung. Hochkultur und Popkultur verschwimmen immer mehr miteinander. Deutsche, amerikanische und nigerianische Künstler werden oft gemeinsam ausgestellt.“ Sich selbst sieht Wang als Parameter setzend. Kunst entstehe in dem Moment, wenn sich ein Mensch damit auseinandersetzt. Als er zum Beispiel seine Schulterklopf-Maschinen in einem Museum in Deutschland ausstellte und Besuchern zur Verfügung stellte, bauten diese die Maschinen anderen Besuchern an die Schulter und sagten: „Alles wird gut.“ In Frankreich dasselbe. Da sagten die Besucher dabei „tout va bien“.
Seit 20 Jahren lebt er nun in Deutschland. Und kennt die Vorzüge. Wenn Wang seinen Kollegen in den USA von der Künstlersozialkasse erzählt, dank der er eine günstige Krankenversicherung und gar eine Rente erhält, dann glauben die, er erzähle von einem anderen Stern. Andererseits sei Bequemlichkeit auch negativ für die künstlerische Entwicklung.
Leben kann Wang von seiner Kunst nicht. Oft ist er „auf dem Bau“, arbeitet als Dachdecker. „Die Bauarbeiter-Szene in West-Berlin war sehr offen, das war ein subventionierter Bereich mit vielen Aufträgen“, erinnert er sich. Viele junge Männer kamen nach Berlin, um den Wehrdienst nicht ableisten zu müssen – in diesem Milieu fühlte Wang sich wohl.
Auf dem Bau erwarb er Fähigkeiten für seine Kunst, wie das Löten. Und auch Ideen sowie die Unabhängigkeit für sein Schaffen. Was ist denn deutsch an Kunst? „Sich 24 Stunden lang damit zu beschäftigen, was deutsch ist – das ist schon sehr deutsch“, bescheidet Wang die Frage der Moderatoren. Aber das Unerreichbare für Deutsche, an dem sie gerne arbeiten würden, das sei ein gutes Konzept für Künstler.
Es gab da eine offene Zeit für Wang, die dauerte von 1989 bis 1995. Dann verschlossen sich wieder die Menschen. „Vielleicht hatten wir auch einfach mehr Zeit“, erinnert er sich. Es gab keine Telefone, man ging zu den Wohnungen und hinterließ Zettel an den Türen. Doch die Zeit verflüchtigte sich, man ging mehr seinem eigenen Leben nach. „Das lässt sich nicht wieder herstellen. Die DDR war eine ganze Kultur, die nicht deutsch, sondern ostdeutsch war. Diese radikale Veränderung ohne Gewalt war wie ein 1968 in Paris.“ Es habe da diese Aufbruchstimmung gegeben.
Wang nimmt einen tiefen Schluck aus seinem Glas Wasser. Die Unterschiede zwischen ostdeutschen und westdeutschen Künstlern würden immer mehr verschwimmen, viel sei adaptiert worden. In Berlin kam Wang damals im „Tacheles“ an, jenem autonomen Kunstzentrum im Prenzlauer Berg. Doch auch das „Tacheles“ habe die Ideen, die es in den ersten Jahren nach dem Mauerfall erfüllt hatte, nicht halten können, „das ist verpufft“. Sein Glas auf dem Tisch ist nun leer.