Sven Marquardt
Sven Marquardt
Um drei Uhr in der Früh ist es nun an der Zeit, endlich der DDR stärker auf die Spur zu kommen. Sven Marquardt ist da guter Auskunftsgeber. „Dieses Leben in der DDR hat mich unheimlich geprägt.“ Da sei das Regime gewesen, die Überwachung. Aber auch viele Nischen. „Es gab da eine Bohème, heute weiß ich gar nicht, wie wir das mit dem wenigen Geld geschafft haben.“
Fotograf, Türsteher, und immer Fotograf: Marquardts Leben im Zeitraffer. Vor kurzem habe er seine Stasi-Akte eingesehen. Eine schlaflose Nacht hatte er danach. „Ich las, dass sie in meiner Abwesenheit in der Wohnung waren.“ Damit hatte er damals nicht gerechnet.
Marquardt fällt auf. Sein Äußeres schreit nach Hingucken. Enge Röhrenjeans in Schwarz runden nur den breiten Oberkörper und Kopf ab, von Tatoos, Bart, nach hinten gekämmten langen Haaren geschmückt. An den Fingern dicke Ringe, an den Ohren noch dickere Ringe und gepiercte Lippen. „Schon damals fiel ich auf“, sagt er. Termine als Fotograf im Berlin-Mitte der DDR vollzogen sich am besten so: Mit dem Taxi vorfahren und schnell wieder weg zum Prenzlauer Berg; wo sein Aussehen akzeptierter war.
Einmal, da durfte er raus. Es war ein halbes Jahr vor dem Mauerfall, Marquardt erhielt die Ausreisegenehmigung für ein Fotofestival in Südfrankreich. Als er dann hinterm Schlagbaum stand, da konnte er nicht Richtung Mittelmeer. Da musste er erst den Westteil seiner Stadt entdecken und ermessen. Und kam dann wieder zurück.
„Der Osten ist ehrlicher. Es wird weniger übertüncht.“ Seinen Frieden habe er mit dem Osten gemacht. In seinen Fotos gehe er dem nach. „Düsternis und Leichtigkeit, das sind meine Themen.“ Beides kennt er von seinem Beruf. Nach dem Interview wird Marquardt zu einer Disko fahren, dann fängt sein Job als Türsteher an, und bald wird auch die Sonne aufgehen. Ist der Wächter, muss entscheiden, wer rein darf und wer nicht. Was nicht geht, was man auf jeden Fall nicht machen und anziehen darf – das verrät er nicht. „Spaß macht es mir nicht, diese so genannte Macht zu haben. Ich mache meinen Job als Teil des Teams, meine Auswahl ist wichtig für den Klub.“ Vielfalt sei ihm sehr wichtig, die Kriterien für seine Entscheidungen über ein „Ja“ oder „Nein“ seien eher fließend.
In seiner Kunst, so hofft er, habe er sich weiter entwickelt. Fotografieren tut er stetig: Ähnlichkeit, Lust, Liebe und Trauer sind die Bojen, an denen entlang er das Leben auf Papier bannt. „Sie kommen mir vor wie ein heiterer Melancholiker“, sagt Moderator Hajo Schuhmacher, „stimmt das“? Ja, diese Phasen habe er , sagt er. Es gebe da einen Satz, aus der Bohème-Zeit in der DDR: Wo wir sind, da ist New York. Der hänge immer nach. „Aber ein Stück weit definiert es mich. Ich bin bodenständig. Berlin, mein Kiez, da geht es mir gut.“ Und dann lächelt er breit, zeigt seine silbernen Zähne. Ob die Kunst in den Jahren nach der Wende anders sei, vielleicht kreativer? „Damals dachte ich das – aber ich irrte mich. Die Kunst ist eigentlich geblieben, wie sie war. Ist er ein glücklicher Typ? „Zeitweilig.“ Lächelt noch breiter. Und macht sich auf den Weg zur Arbeit.